Am 10. und 11. April 2019 fand in Galway die Konferenz ‚ÄúOER19‚ÄĚ der Association for Learning Technology (ALT) statt. Aus dem JOINTLY Team war Anja Lorenz vor Ort.

In meinen Reisenotizen finden sich einige Stichpunkte zu den einzelnen Sessions, die ich besucht habe. In diesem Blogpost m√∂chte ich eher einen gr√∂√üeren √úberblick geben, was auf der Konferenz diskutiert wurde ‚Äď zumindest in dem Ausschnitt, den ich aktiv miterlebt oder in den Zwischengespr√§chen w√§hrend der Pausen oder auf Twitter mitbekommen habe, denn es gab insgesamt mehr als 130 Beitr√§ge an den beiden Konferenztagen. Einige Sessions wurden auch gestreamt und aufgezeichnet.

‚ÄúRecentering Open‚ÄĚ

‚Ķ war das Thema der diesj√§hrigen Ausgabe ‚Äď eine Aufforderung an die Teilnehmenden, sich auch kritisch damit auseinanderzusetzen, wo Offenheit in der Bildung Grenzen hat, welche (nicht nur positive) Konsequenzen sie mit sich bringt und auch, wer bisher noch nicht davon profitieren kann. Diese Schwerpunktsetzung hat mich nicht √ľberrascht, zumal ich bereits letztes Jahr auf der OER18 in Bristol festgestellt hatte, dass es nicht nur um frei lizenzierte Materialien geht, sondern Open Education sehr breit verstanden und gedacht wird.

Prek√§re Besch√§ftigung an Hochschulen als Umfeld f√ľr Open Education

Bereits die Keynote von Kate Bowles ging dieses komplexe Thema an: Neben all den sch√∂nen Erfahrungen auf ihrem pers√∂nlichen (offenen) Lernweg wies sie deutlich darauf hin, dass Open Education nicht selten auch im Rahmen prek√§rer Besch√§ftigung stattfindet. Unter den Hashtags #unbezahlt, #ausstieghochschule oder #frististfrust lese ich seit einiger Zeit, wie Menschen aus dem Hochschulsystem von ihren prek√§ren Besch√§ftigungsverh√§ltnissen mit kurzen Vertragslaufzeiten, Kettenbefristungen und einer Menge unbezahlter √úberstunden berichten. Im englischsprachigen Raum scheint man diese als „Casual Workers“ zu bezeichnen und als Problem erkannt zu haben. In diesen Kontexten findet auch Open Education statt (und gerade Menschen aus dem OER-Umfeld scheinen mir weniger 9-to-5 zu arbeiten).

‚ÄúOptimism is a discipline, not an emotion!‚ÄĚ

Kate Bowles, Keynote auf der OER19

#femedtech

Auch die in meiner Filterblase aktuell wieder st√§rker werdenden feministischen Bewegungen fanden sich auf der OER19 wieder, am besten sichtbar ganz sicher durch das #femedtech Netzwerk. Ziel ist es, auf Menschen aufmerksam zu machen und zu werden, die normalerweise nicht sichtbar sind. Das Netzwerk versteht sich dabei nicht als Club, in dem es Mitgliedschaften gibt. Es wurde zudem betont, dass es beim Feminismus nicht nur um Frauen ginge, sondern um die Gleichberechtigung aller Menschen. Obwohl OER und Open Education oberfl√§chlich betrachtet f√ľr alle Menschen gleicherma√üen offen sind, erreichen sie in der Praxis l√§ngst nicht alle. So wurde an Massive Open Online Courses schon l√§nger kritisiert, dass sie √ľberwiegend gut ausgebildete Teilnehmende haben und sich damit keine Bildungsgerechtigkeit herstellen lie√üe. Das Bestreben, hier genauer hinzusehen und damit auch unerreichte oder ungeh√∂rte Personen im Bereich der freien Bildung wahrnehmen zu k√∂nnen, scheint daher ein notwendiger, wenn auch keineswegs einfacher Schritt zu sein.

Glokalisierung statt Neokolonialismus

Schlie√ülich war auch das Keynote-Panel „Open Praxis: Three Perspectives, One Vision“ ein vielf√§ltiges Pl√§doyer daf√ľr, Unterschiede auch und vor allem in offenen Lernszenarien zu erkennen und „zu umarmen“. Am Eindringlichsten begr√ľndete das Taskeen Adam, die aus S√ľdafrika stammt und nun an der Universit√§t in Cambridge studiert: Ein Gro√üteil der OER stammt aus Europa und Nordamerika, aber es ist auch f√ľr andere Kontinente wichtig, dass sie sich hierin wiederfinden. Sie sprach sich f√ľr die Glokalisierung aus, auch im Bezug auf Internetplattformen und -inhalte.

Weitere Einblicke kurz notiert

Neben √ľbergreifenden Themen rund um aktuelle Herausforderungen rund um Open Education gab es aber auch Sessions, in denen konkrete Projekte und Forschungsergebnisse vorgestellt wurden, oder Workshops, in denen Tools und Methoden ausprobiert werden konnten (etwas mehr in meinen Reisenotizen):

  • Auf der Plattform nQuire-it k√∂nnen Citizen-Science-Projekte unterst√ľtzt werden, bspw. indem Befragungen weit gestreut werden. [Link zur Session]
  • In einem Workshop zu WikiData haben wir (in meinem Fall ohne weitere Vorkenntnisse zur WikiData-Datenbank und der Anfragesprache) relativ schnell erfahren, wie man Anfragen und Statistiken erstellen kann. Das Material zum Workshop gibt es hier (inkl. Links zum Ausprobieren). [Link zur Session]
  • Am neuen Campus in Dublin wurde sich Gedanken dar√ľber gemacht, inwiefern offenes Lernen auch durch die Gestaltung auf dem Campus unterst√ľtzt werden kann. [Link zur Session]
  • Auch aus der Maker-Szene gab es eine sch√∂ne Projektvorstellung von der University of Sheffield. Hier ist Open Source Hardware Teil des Curriculums und die Studierenden werden dazu ermuntert, ihre Projekte auf der Plattform Hackaday zu teilen, auf der sie auch Feedback zu ihren Projekten aus der Maker-Community erhalten. [Link zur Session]
  • Die OER-World Map hatte am Dienstag vor der Konferenz ein OER Policy Lab veranstaltet. In der Session wurde die OER Policy Registry vorgestellt, die (auch) daraus hervorging. Hier findet man nicht nur eine Liste aller OER Policies auf der World Map, aus ihnen werden auch Statistiken generiert. Wie immer kann jede und jeder auch hier selbst Policies eintragen und zu einer umfassenderen √úbersicht beitragen. [Link zur Session]
  • Schweden war laut J√∂rg Pareigis noch sp√§ter dran beim Thema Openess in der Bildung als Deutschland, zumindest wenn man es an der offiziellen Unterst√ľtzung durch F√∂rderprogramme betrachtet. Mittlerweile gibt es aber auch dort eine ganze Reihe offener Angebote. Er hatte insbesondere die MOOCs der Universit√§t Karlstad vorgestellt, die als Alternative zu den ECTS-einbringenden Studienmodulen angeboten werden. [Link zur Session]
  • Igor Lesko hat sich einige OER-Policies angeschaut und deren aktuellen Stand erhoben. Insgesamt ist es noch etwas zeitig um dar√ľber zu urteilen, ob diese Policies etwas bringen, da das alles noch sehr neu ist. Zudem sind die Policies auf sehr unterschiedlichem Stand: bereits ausformuliert, schon verabschiedet, manchmal auch schon in Teilen umgesetzt, oft ist aber auch eine kontinuierliche F√∂rderung fraglich, was die Umsetzung wiederum behindern kann. [Link zur Session mit Aufzeichnung]
  • Eine absolute Empfehlung auch zum Nachschauen ist der Beitrag von Jim Luke, der Open Education als Gemeingut, Business-Model, p√§dagogischen Absatz und als Praktik kritisch analysiert hat. Diese Betrachtungen f√§nden viel zu oft in dem alten Verst√§ndnis von Absatzm√§rkten statt, das aber nicht mehr immer so zutrifft. Als Beispiel nannte er die Ver√∂ffentlichung von Texten und Materialien: W√§hrend man fr√ľher auf Verlage und Peer Review angewiesen war, um etwas ver√∂ffentlichen zu d√ľrfen, k√∂nnen wir das heute einfach selbst tun. W√§hrend also die M√∂glichkeiten, sein Angebot zu verbreiten, nicht mehr eingeschr√§nkt sind, ist es aber die Nachfrage schon, denn wir k√∂nnen nicht alles lesen und anschauen. Die Frage nach einer guten (Vor-)Auswahl wird daher immer bedeutender. [Link zur Session mit Aufzeichnung]

In zwei Zeit-Slots habe ich mir zudem mehrere 7-Minuten-Vorträge (sog. Alt-formats) angeschaut. Ich war ja schon auf dem OER-Festival ein Fan der Lightning-Talks, weil man so viele Projekte, aber auch kurze Geschichten und Meinungen kennenlernt:

  • Mit dem Visualthinkery Remixer kann man die bereitgestellten Designs schnell remixen und herunterladen (damit habe ich auch das Bild ganz oben erstellt).
  • Kate Molloy nutzt H5P in der virtuellen Lernumgebung ihrer Hochschule.
  • W√§hrend Kurse f√ľr digitale Kompetenzen h√§ufig an Kinder richten, fehlen h√§ufig Angebote in der Erwachsenenbildung. In Glasgow hat man hierf√ľr L√∂sungen bspw. eine Train-the-Trainer-App entwickelt.
  • Bei River Revery kann man Teil eines Kunstprojekts werden, indem man √ľber Instagram den Hashtag #RiverReveryLdn verwendet.
  • Frances Bell erz√§hlte drei Geschichten von √§lteren Menschen aus ihrer lokalen Bibliothek und wie sie (teils sehr schwer) den Zugang zu digitalen Technologien und dem Web finden. Sie zog damit auch die Aufmerksamkeit darauf, dass gerade √§ltere Menschen oft nicht an den offenen Angeboten partizipieren k√∂nnen, weil ihnen bereits der Zugang nicht m√∂glich ist oder schwer f√§llt.
  • Clare Gormley stellte ihre Erfahrungen mit „The sipping point“ vor, einer Art selbstorganisiertes regionales Treffen von Bildungsinteressierten (√§hnlich den hiesigen Bildungsbieren etc.).
  • Mit „How I lost my faith in OER“ hat Brian Mulligan sehr tragisch dargestellt, dass OER leider doch nicht wesentlich dazu beitragen k√∂nnen, die Kosten eines Studiums zu senken.
  • Der sicher am meisten radikal offene Beitrag war „Serfs of Open„, der von niemanden gehalten und unter CC0 an die Gesellschaft verschenkt wurde.
Der Beitrag „Serfs of Open“ wurde von niemanden gehalten.

Unsere Session zu JOINTLY

Ich hatte auch die Gelegenheit, das Projekt JOINTLY auf der OER19 vorzustellen, die Slides findet Ihr hier.

In 20 Minuten konnte ich nat√ľrlich nur einen kleinen Ausschnitt aus den L√∂sungen und Services demonstrieren. Erstaunlich viele positive R√ľckmeldungen gab es zu kleinen Tools wie den ccMixer, sowie einige R√ľckfragen zur Qualit√§tskontrolle auf dem OER-Contentbuffet und den Arbeitsgruppen der deutschsprachigen Open-Education Community.

Fazit: Was nehme ich mit?

Bereits 2018 in Bristol war mir aufgefallen, dass die OER-Konferenz weit √ľber offene Materialien und deren Kontext hinaus geht. Ein starker Fokus liegt auf der Selbstwahrnehmung der Community und auch einer st√§ndigen kritischen Hinterfragung, was man mit offenen Praktiken alles nicht erreicht oder gar verhindert. Da ich sonst eher auf wissenschaftlichen Konferenzen bin, auf denen eher Projekte und Forschungsergebnisse vorgestellt werden, ist mir diese Mischung aus Forschung, eigenen Erfahrungen (und damit oft weniger intersubjektiv √ľberpr√ľfbaren Erlebnissen) und Meinungsaustausch zu Beginn immer etwas fremd. Nach etwas Zeit und auch r√ľckblickend finde ich diese Zusammenstellung dann aber doch ganz gut, denn hierf√ľr sind viel weniger frontal gelagerte Vortr√§ge n√∂tig (die sich h√§ufig in anderen Formaten effizienter umsetzen lassen).

Und die deutsche OER-Community? Wie Markus richtig feststellte, waren im Vergleich zur OER18 etwa nur halb so viele Menschen aus dem deutschsprachigen Raum vertreten (wir haben 5 gez√§hlt), in London 2017 waren es wohl noch mehr. Auch ohne genauere Erhebung scheint es offensichtlich, dass hier die ausgelaufenen F√∂rderungen der OERinfo-Reihe sicher einen gro√üen Anteil haben. Die Resonanz im Web und auf Twitter war aber auch aus der deutschen Community her merkbar ‚Äď und damit noch einmal vielen lieben Dank an alle Mitlesenden, Likenden und Nachfragenden.

CC BY
Der Beitrag steht (soweit an einzelnen Teilen nicht anders vermerkt) unter der Lizenz CC BY 4.0.
OER19 in Galway, 10.04.2019
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